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September | 2020

Es begann am helllichten Tag.


Das Pogrom von 1938 in einer Kleinstadt

 

Aus „Gegen das Vergessen“
Gedenken zum 75. Jahrestag der Pogromnacht am 10. November 2013
Schriften des Heimat- und Geschichtsvereins Medebach e.V., Heft 36, 2014

Aus der Ansprache von Nikolaus Schäfer:

Auch in Medebach hatte man die Zeichen der Zeit erkannt. Der Vorsitzende des „Kampfbundes des gewerblichen Mittelstandes“ verlangte am 06.03.1933 von der Amtsverwaltung, bei Unterstützungen der Wohlfahrts- und Rentenempfänger Käufe nur in christlichen Geschäften vorzunehmen. In der Zeit vom 28.03. bis zum 04.04.1933 wurde in Westfalen ein allgemeiner Boykott der jüdischen Geschäfte veranstaltet. Auch in Medebach zog vor den jüdischen Geschäften SA in Uniform auf und hinderte Kaufwillige am Betreten der Läden: „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Der Boykott wurde in der Folgezeit in Medebach auf Betreiben der kleinen Machthaber weiter betrieben und tat den Juden großen Schaden.

Auf den ersten Blick ist unverständlich, dass ganz vor Ort – und das gilt auch für die Kleinstädte und Dörfer im Sauerland – der Kampf gegen die Juden von vornherein heftiger betrieben wurde, als von den Machthabern an der Staatsspitze zunächst gefordert wurde.

Mit insgesamt 32 Personen machten die Juden also 1,3 Prozent der Medebacher Bevölkerung aus. Alle erwachsenen Juden waren Mitglieder des Schützenvereins. Ohne dass ein förmlicher Beschluss gefasst worden wäre, wurden sie 1933 aus der Mitgliederliste gestrichen. So schloss man die Juden aus dem ganzen öffentlichen Leben aus. Es gab für sie kein Schützenfest, kein Kriegerfest, kein Turnfest und kein Sängerfest mehr, der Dämmerschoppen wurde ihnen verekelt und der Doppelkopf verleidet. Sie vereinsamten innerhalb der Gemeinde.

Am 12.02.1936 wurde die Erteilung jüdischen Religionsunterrichts in der Volksschule Medebach untersagt. Den deutschen Juden wurde klar gemacht, dass sie das Land zu verlassen hatten.

Gustav Frankenthal wurde gezwungen, seinen Viehandelsbetrieb zum 01.07.1938 aufzugeben. Dabei musste er unterschreiben, dass das freiwillig war. Rebekka Frankenthal als Erbin ihres Ehemannes verkaufte Haus und Grundstücke 19.05.1938. Die Familien Frankenthal, Meyerhoff-Itziges, Max Stessmann und der Junggeselle Erich Stessmann wanderten nach Amerika aus.

Am 27.10.1938 wurde die Synagoge für 500 Reichsmark verkauft. Sinnfälliger als mit dem Verkauf der Synagoge konnten die Juden ihre Kapitulation nicht deutlich machen.

Am Vormittag des 10. November befahl die Kreisleitung der NSDAP fernmündlich, auch in Medebach wegen der Ermordung Ernst von Raths einen Demonstrationszug gegen die Juden zu veranstalten. Es wurde ausgeschellt, dass die Angehörigen der Partei und ihrer Gliederungen um 20.00 Uhr auf dem Marktplatz anzutreten hatten, und zwar ohne Uniform. Der Polizei war jedes Eingreifen untersagt.

Bereits am Nachmittag des 10.11.1938 warf ein Lehrling auf dem Gang zum Postamt bei dem jüdischen Textilgeschäft Meyerhoff mit einem Stein eine Fensterscheibe ein. Er hatte nämlich von dem Telegramm Kenntnis erhalten, das der Polizei ein Einschreiten bei Aktionen gegen Juden untersagte. Nach Dienstschluss, etwa um 18.00 Uhr, ging er mit drei weiteren Lehrlingen zum Haus des Juden Stahl. Sie machten sich dort an Stahls Personenauto zu schaffen, mit dem die drei anderen anschließend eine Fahrt nach Winterberg unternahmen. Kurz vor 20 Uhr trafen Mitglieder der NSDAP-Kreisleitung am Markt in Medebach ein, wo sich die Angehörigen der Partei und ihrer Gliederungen sammelten.

Etwa Viertel nach Acht zogen die Demonstranten zunächst vom Marktplatz vor das Textilgeschäft Meyerhoff. Antisemitische Lieder wurden gesungen, Sprechchöre ertönten. Nach einiger Zeit zogen größere und kleinere Trupps vor die jüdischen Geschäfte Stern und Stahl. Bis drei Uhr morgens waren aggressive Gruppen in der Stadt unterwegs. In dieser Zeit wurden die Textilgeschäfte Meyerhoff und Stahl vollständig zerstört. Die Schaufensterscheiben wurden eingeschlagen, die Ladeneinrichtungen wie auch die Wohnungseinrichtungen demoliert.

Im Hause Stahl, der einen Bierverlag und eine Spirituosenhandlung unterhielt, wurden im Keller die Fässer und Flaschen zertrümmert, so dass der Boden zentimeterhoch mit Alkohol bedeckt war. Auch hier wurde die Wohnungseinrichtung demoliert. Gewalttätigkeiten gegen jüdische Personen wurden nicht verübt. Stahls Auto wurde im Verlauf der Nacht angezündet und verbrannte.

Die Kultgegenstände der jüdischen Gemeinde waren Sally Stahl als dem Vorsteher bei Aufgabe der Synagoge in Verwahrung gegeben worden. Die Thorarollen, Gebetbücher, Gebetschals und der Kronleuchter wurden in der Nacht der Verwüstung zerstört oder geraubt.

Nach den Zerstörungen an und in den Häusern Meyerhoff, Stern und Stahl zog der Mob zur Synagoge. Sie war zwar schon am 27.10.1938 verkauft worden und diente nicht mehr jüdischen Kultzwecken, aber sie war ein Symbol des Judentums und musste um der deutschen Ehre willen zerstört werden: Ihre Pfosten wurden mit Ketten umwickelt und planmäßig niedergelegt. Aus der großen Zuschauermenge brandete Jubel auf, als die letzte Wand eingerissen wurde und aus der Synagoge ein Trümmerfeld geworden war.

Nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen, berief sich keiner der ermittelten Täter darauf, angetrunken oder betrunken gewesen zu sein.

 

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Quelle
Heimat- und Geschichtsverein Medebach

Literatur
Nikolaus Schäfer: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Medebach. Vom Anfang bis nach dem bitteren Ende. Schriften des Heimat-und Geschichtsvereins Medebach, Heft 10, 1990, 192 Seiten